Schon zum Jahresende 1998 kristallisierte sich heraus, daß der Sommerurlaub nicht in den sonnigen Süden gehen sollte; wir hatten genug geschwitzt. Irland war im Gespräch, ebenso Schottland. Letztendlich wurde aber Skandinavien auserkoren, da bisher weder meine Frau noch ich jemals in diesen Ländern gewesen war. Wir kauften Reiseführer, studierten Landkarten, und tüftelten an einer Strecken um die 4000 km, die mit einem Hinterreifen auf dem Majesty zu bewältigen wäre. Der von uns so geschätzte Autoreisezug bot leider keine geeignete Strecke an, die uns die öde Autobahnfahrt in den Norden abgenommen hätte.
Schließlich stand die Route in groben Umrissen fest:
Autobahn bis Lübeck-Travemünde, Fähre nach Helsinki, Umrundung des Bottnischen Meerbusens und auf schwedischer Seite wieder in den Süden.
Weiter über Dänemark zurück in die Heimat. Recht früh, schon im Januar, wurde die Schiffspassage gebucht. Der Winter zog sich lange hin, touristische Highlights fehlten, man fuhr wenig. Dann kam wie aus heiterem Himmel die Sensation: Unser örtliche Suzuki-Händler bot bei seiner Frühjahrsmesse Mitte März die Möglichkeit zu einer Probefahrt mit dem Burgman 400. Nach rund hundert Kilometern bei Wind, Wetter und Kälte, auf Landstraßen und Autobahn, mit und ohne Sozia, wußte ich, daß meine "Liebesbeziehung" zu meinem Majesty zuende war.
Aber was macht man mit der "Verflossenen" ? Unser Suzuki-Händler lehnte einen Eintausch kategorisch ab. Auf Kleinanzeigen kam geringe Resonanz, trotz des attraktiven Preises von DM 4.400,- für einen drei Jahre alten Majesty 250. Nur als ich dann die Laufleistung von 44.000 km nannte, fiel manchem Interessenten buchstäblich der Hörer aus der Hand. Die Zeit zum Urlaub rückte näher, meine Preisvorstellung war schon bis auf DM 3.500,- gesunken und das Frühlingswetter hatte den Kilometerzähler inzwischen auf knapp 47.000 km ansteigen lassen. In meiner Not klapperte ich dann auswärtige Händler ab, zumal auch noch von Lieferschwierigkeiten für den Burgman 400 gesprochen wurde. Endlich fand ich einen, der zu einem Preis, der mir die Tränen ins Gesicht trieb, meinen Majesty gnädig annahm und mich am 12. Mai mit dem Burgman vom Hof rollern ließ.
So machte Rollerfahren Spaß! Endlich nicht mehr die arme Sau auf der Autobahn, endlich lockere Überholvorgänge auf der Landstraße. Nur das Duell an der Ampel behagt ihm nicht, da muß die Gashand gefühlvoll bewegt werden, sonst verschluckt er sich. Nur noch 6 Wochen bis zum Urlaubsstart! Beim Kauf hatte ich schon den Termin für die erste Inspektion gemacht und einen Träger für meinen Givi-Koffer geordert.
Zwischenzeitlich wurde die unmögliche Sitzbank geändert und nach dem Allerwertesten meiner Gattin ausgeformt. Ein kleiner Rucksack, an der Sissybar befestigt, diente als Rückenpolster. Der Langstreckensitz war perfekt. Nach 2 Wochen und Pfingsten in Holland waren bei der ersten Inspektion 1500 km auf dem Tacho. Nach 6 Wochen wurde die zweite Inspektion bei 4200 km gemacht. Von meinem Majesty war ich an Reifenwechsel hinten spätestens nach 5000 km gewöhnt. Hier zeigte das Profil noch gar keinen Verschleiß. Wenn das nur gut ging.
Am 26. Juni, samstags, starteten wir zur ersten Etappe bis Lüneburg, wo unsere Tochter wohnt, sonntags fuhren wir weiter nach Travemünde, wo das Einchecken zur Fähre um 22.00 Uhr begann. Drei elend lange Stunden sollte es noch dauern, bis wir an Bord gelassen wurden. Diese Stunden nutzten die Mücken, um mich gnadenlos zu zerstechen. Wie würde das erst in Finnland werden! Jeder hatte uns vor dem Urlaub zum Thema Finnland das "Stich"wort Mücken gesagt. Nach 36 Stunden auf der Fähre hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Helsinki empfing uns mit 29 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Da war die Hotelsuche nicht nur wegen der Großstadtpreise ganz schön schweißtreibend. Schließlich fanden wir ein Sommerhotel. In diesem Fall war ein Studentenwohnheim während der Semesterferien zum Hotel geworden. Das Frühstück wurde in der Mensa serviert und der Preis war unserem Budget angemessen. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt reizten uns nur bis zum nächsten Mittag, dann hielt mich nichts mehr, ich mußte fahren, fahren, fahren. Abends waren wir schon 300 km nördlich der Hauptstadt inmitten der südfinnischen Seenplatte. Am darauffolgenden Abend und weiteren 450 km hatten wir den nördlichsten Punkt des Bottnischen Meerbusens bei der Stadt Kemi erreicht.
Jetzt mußten wir uns entscheiden. Sollten wir nun schon, wie ursprünglich geplant, die Rückreise antreten? Den Nördlichen Polarkreis wollten wir doch wenigstens noch erreichen, um einmal die Mitternachtssonne zu erleben. Entweder spielte das Wetter nicht mit, oder die Mitternachtssonne ist eine Erfindung der Tourismusindustrie, um die Leute ins Land zu locken. Wir haben sie jedenfalls nie gesehen, leider. Rovaniemi, die letzte größere Stadt im Norden erreichten wir gegen Mittag bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad. Nur 8 km nördlich der City verläuft der Polarkreis. Hier befindet sich auf einem riesigen Areal eine ganz besondere Attraktion: Christmas Village. Hier ist das ganze Jahr Weihnachten. Hierher kommen Kinder aus der ganzen Welt, um den leibhaftigen Weihnachtsmann persönlich zu erleben, ihren Wunschzettel persönlich zu überreichen und mit einem Erinnerungsfoto wieder nach Tokio oder San Franzisko zurückzufliegen. In diesem Dorf stand ein Wegweiser, der die Entfernung nach St. Johann in Tirol mit 2448 km, nach Singapore 9394 mit km und zum Nordkap mit 680 km angab, da war plötzlich das magische Wort NORDKAPP in unserem Kopf und ließ uns nicht mehr los. Noch Stunden später - wir fuhren natürlich Richtung Norden - wurde das Für und Wider diskutiert. Wir hatten den Kampf verloren und wußten es auch im Innersten: Wir würden es uns nie verzeihen jetzt umzukehren.
Auf der Fahrt zum Inarisee kamen wir dann in die schon angekündigte Schlechtwetterfront. Für kräftige Adrenalinschübe sorgten die immer wieder unverhofft auftauchenden Rentiere. Nasse Fahrbahn, beschlagenes Visier und dann die Vollbremsung, möglichst noch in der Kurve. Übrigens, nur einen einzigen Elch haben wir zu Gesicht bekommen. Sein Kopf hing gut präpariert über der Rezeption eines Hotels. Das müssen wahrhaft riesige Viecher sein. Als wir an einer Tankstelle vor dem Regen Schutz suchten, stellte ich mich mit dem Burgmann unter das weit ausladende Vordach des Shops, während meine Frau drinnen Kaffee holte. Kaum hatte ich den Helm vom Kopf, kamen alle Mücken der Region, die natürlich auch wußten, wie man sich vor Regen schützt, zu mir und begrüßten mich auf ihre Art. Nachher hatte ich Probleme, den Kopfschutz wieder aufzusetzen. In Ivalo hatte unser Hotelzimmer vor den Fenstern Mückennetze. Von dort starteten wir am Samstag Richtung Norwegen. Die Straße führte kilometerlang schnurgerade durchs Land, durch Täler und über Bergkuppen. Es war schon atemberaubend, was die Straßenbauer da geleistet hatten. An den Kuppen betrug die Sicht manchmal keine 20 Meter. Das war Achterbahnfeeling pur. Hinter dem schlechten Wetter war Polarluft eingeflossen, es wurde eisigkalt. Für dieses Wetter hatten wir einfach keine Kleidung dabei. Nie im Leben habe ich so gefroren wie an diesem Tag.
Ab Lakselv fuhren wir am Porsangen-Fjord entlang. Die teilweise schneebedeckten Berge, das Meer und der Himmel waren von unwirklicher Schönheit. Dann ging es auf einer neuen Trasse zu den neuen 7 km und 4 km langen Tunneln zur Insel Magrøya auf der das Nordkap liegt. In Honningsvåg, der einzigen größeren Ortschaft stiegen wir im erstbesten Hotel ab, gruselten uns nur über den Preis und duschten uns wieder warm. Die letzte Etappe von 33 km war dann ein Kinderspiel. Bewundert habe ich etliche Radfahrer, die schwerbepackt diese Tour machten, aber die haben sicherlich nicht so gefroren wie wir. Am Kap war dann der übliche Tourirummel. Viele Busse, noch mehr Wohnmobile und Pkws, einige Motorräder, davon nur sehr wenige aus Deutschland. Roller habe ich hier, wie übrigens auf der gesamten Reise, nie gesehen. Vielleicht kommen die erst wieder im Winter, wenn die Zeit der Weicheier und Warmduscher vorbei ist. Leider hat die Batterie meiner Kamera ausgerechnet am Nordkap den Geist aufgegeben. "Vor fünf Minuten habe ich von diesem Typ die letzte verkauft", meinte die nette junge Dame im Shop. Das war übrigens der einzige technische Defekt auf der ganzen Reise. Am nächsten Morgen, am Sonntag, versuchte ich noch, in Honningsvåg eine neue Batterie zu bekommen. Aber die Geschäfte waren geschlossen und an der Tankstelle hatte ich auch kein Glück.
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Wir danken Bruno Schiffer und seiner Frau recht herzlich
für die lebhaft verfasste Nordkap-Reise!
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